Am Ende der Winkelgasse, fast versteckt in den Schatten der großen Ladenfronten, verkauft “Potages Kesselladen” gebrauchte und neue Kessel, schwindelerregend hoch gestapelt bis unter die Decke. Neben dem Gebäude zieht sich eine Mauer entlang, auf der ein verblichenes Bild eines Zauberers wacht.
Nur wer das Geheimnis kennt, weiß, dass dahinter mehr steckt. Denn wenn man dem Zauberer an der Wand sanft eine Hand auf die Augen legt, erweckt das die Mauer zum Leben und ein schmaler Spalt öffnet sich für wenige Sekunden. Dahinter liegt eine enge Seitengasse, in der keine zwei Menschen nebeneinander stehen könnten. Am Ende dieser Gasse wartet die große Lagerhalle von “Potages Kesselladen”, angefüllt mit nichts als verstaubten Kesseln. Zumindest bei Tage.
Doch wenn das Treiben in der Winkelgasse längst verstummt ist und, öffnet ein Mitarbeiter des Kesselladens zwei Mal die Woche - immer dienstags und donnerstags - nach 22 Uhr heimlich das schwere Hallentor. Dann verwandelt sich der hohe Lagerraum in einen geschützten Zufluchtsort. Es wird zu einem geheimen Treffpunkt für queere Menschen, auch wenn hier vor allem queere Männer zusammenkommen. Nachts wird in der Lagerhalle getanzt, gelacht, getrunken, geredet; Butterbier und Elfenwein fließen, ein knisternder Plattenspieler füllt die Halle mit leiser Musik, während draußen die Nacht schwer über der Winkelgasse liegt.
Die Existenz dieses Ortes verbreitet sich vor allem durch Mundpropaganda; nur wer jemanden kennt, der bereits einen Fuß in die Lagerhalle gesetzt hat, weiß von dem Geheimnis im Schatten der Winkelgasse. Wer Glück hat, erhält in der Buchhandlung "Artemis’ Grove" sogar einen Tipp!
Spätestens um drei Uhr schließt der Mitarbeiter die schwere Tür wieder, räumt die leeren Flaschen weg, verstaut den Plattenspieler zwischen rostigen Kesseln und vertreibt jede Spur dessen, was dort war. Bisher ist er noch nie aufgeflogen, denn er passt verdammt gut auf. Wenn es doch einmal unsicher wird - wenn die Ladenbesitzerin Überstunden macht oder ein Kunde zu lange bleibt - warnt er seine Gäste mit einem stillen Zeichen, indem er ein Plakat über den gemalten Mund des Zauberers an der Mauer hängt.
In der ehemaligen Phoenix Wharf im Osten von London, direkt an der Themse gelegen, befindet sich der magische Club „Noctis“, der vor den Augen der Muggel gut verborgen wurde. Jeden Donnerstag, Freitag und Samstag öffnet er seine Tore und bietet vor allem jungen Hexen und Zauberern ein besonderes Erlebnis. Denn das „Noctis“ wirbt damit, das Beste aus zwei Welten zu vereinen: Hier können sich magische Menschen wie Muggel kleiden und zu Muggelmusik tanzen, ohne Angst haben zu müssen, das Geheimhaltungsabkommen zu gefährden oder sich unter vermeintlich gefährliche Muggel zu mischen.
Es gibt sogar eine Ecke, in der sich Hexen und Zauberer (natürlich gegen Aufpreis!) aus einem Fundus an Muggelkleidung für den Abend bedienen können, um ein ungefährliches Erlebnis zu haben: einmal so tun, als wäre man ein:e Bewohner:in dieser anderen Welt. Für Muggelstämmige mag das „Noctis“ hingegen äußerst befremdlich wirken. Sie erkennen die offensichtlichen Fehler in der Farce, die hier als „echter Muggel-Club – nur für Hexen und Zauberer“ verkauft wird, und merken schnell, dass die Verantwortlichen offenbar keine wirkliche Ahnung von der nicht-magischen Welt haben. So ist es in der Vergangenheit bereits vorgekommen, dass ahnungslose Besucher:innen zu der Musik einer Warteschleife getanzt haben, ohne zu bemerken, dass es sich dabei um keinen echten Song aus der Muggelwelt handelte. Die Brüder, die das „Noctis“ leiten, scheint das jedoch nicht zu stören, denn an Besucher:innen mangelt es dem Club nicht. Je strenger die Gesetze in der magischen Welt werden, desto größer wird die Neugier auf die nichtmagische Welt und genau das wird hier gnadenlos ausgenutzt.
Einmal im Monat zum Vollmond öffnet das „Noctis“ jedoch nicht für alle. Dann ist der Zutritt nur mit einem stetig wechselnden Passwort möglich. Zwar wird weiterhin zu Muggelmusik getanzt, doch das Klientel hat sich spürbar verändert. Bereits am Eingang legt eine Hauself einen feinen, kaum wahrnehmbaren Zauber über die Eintretenden, der ihre Gesichter und Haare leicht verändert, sodass sie nicht sofort identifiziert werden können. Und das aus gutem Grund: Kaum zeigt sich der Vollmond am Firmament, verstummt die Musik und die Tanzfläche öffnet sich in der Mitte und gibt eine Grube samt Tribüne frei, in der zwei Werwölfe bis auf den Tod gegeneinander kämpfen. Sie erinnert an eine kleinere Version von der Travers Werwolfsarena und vielleicht gibt es genau deswegen Gerüchte, dass die Familie Travers bei der Architektur des Clubs ihr Wissen geteilt hat. Zu Beginn des Kampfes können die magischen Besucher:innen Wetten abschließen und das grausame „Spektakel“ bei Cocktails verfolgen. Selbstverständlich wurden ausreichend Schutzzauber gesprochen, denn die Sicherheit der Gäst:innen steht an erster Stelle. Es überrascht kaum, dass ein derart barbarisches Treiben vor allem unter Reinblüter:innen sowie äußerst konservativen Hexen und Zauberern großen Anklang findet.
Die Tür der „Stacheligen Schlange“ in der Nokturngasse ist stets verschlossen, und das Schaufenster ist mit einem Zauber versehen, der es unmöglich macht, zu jeder Tages- und Nachtzeit ins Innere zu blicken. Für viele bleibt daher ein Geheimnis, was die Stachelige Schlange tatsächlich anbietet. Zutritt erhalten nur Stammkund:innen und jene, die von ihnen Zugang oder eine Einladung erhalten haben.
Offiziell wird der Laden als exklusiver Herrenclub geführt, doch die Anwesenheit zahlreicher Hexen und Zauberer, die jeden Wunsch der Gäste von den Lippen abzulesen scheinen, macht schnell deutlich, dass die Stachelige Schlange weit mehr ist als das. Die Bezeichnung „Freudenhaus“ nimmt hier niemand in den Mund, doch sie trifft es wohl am ehesten.